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Außergewöhnliche Klangerlebnisse
Die aus Brasilien stammende Harfenistin Cristina Braga begeistert beim Neustadter Jazzclub im Steinhäuser Hof (Von Gereon Hoffmann)

Neustadt. Eine Konzertharfe ist gewiss nicht das erste Instrument, das man mit Jazz verbindet. Der noch junge Jazzclub Neustadt war mutig und hat Cristina Braga in den Steinhäuser Hof eingeladen. Die Brasilianerin begeisterte mit lateinamerikanischer Musik. Begleitet hat sie Ricardo Medeiros auf der Bassgitarre.


Eine Harfe wird äußerst selten im Jazz gespielt. Alice Coltrane, die zweite Frau des berühmten Saxofonisten, spielte neben Piano und Orgel auch Harfe, dann gibt es heute noch Deborah Henson-Conant, in Folk und Popmusik kennt man sie noch Andreas Vollenweider und Alan Stivell.

Cristina Braga hat eine klassische Ausbildung. Sie hat in Brasilien und den USA Harfe studiert und genießt internationales Ansehen. Sie ist gewählte Direktorin des World Harp Congress und hat am Mozarteum in Salzburg als Dozentin unterrichtet. Neben der Klassik hat sie sich in den vergangenen zehn Jahren verstärkt mit den Klängen und Rhythmen ihrer Heimat Brasilien befasst.

Was sie aus der traditionellen und zeitgenössischen Musik gemacht hat, war im Steinhäuser Hof eindrucksvoll zu hören. Beim Jazzpublikum bekannt sind Standards wie Corcovado (Quiet Nights of Quiet Stars) von Antonio Carlos Jobim oder Orfeo Negro von Louis Bonfa. Es sind Stücke, die mit der Bossa-Nova-Welle in den späten 1950er Jahren bekannt geworden sind. Damals war es die Konzertgitarre, die mit dem weichen Klang ihrer Nylonsaiten den Sound geprägt hat. Hier gibt es eine Ähnlichkeit zum Harfenklang.

Cristina Braga spielt eine große Konzertharfe, auch Pedalharfe genannt. Deren 47 Saiten sind diatonisch, also in einer Tonleiter gestimmt. Um nun weitere Töne spielen zu können, gibt es sieben Pedale, die über eine Mechanik Saiten verkürzen und damit höher klingen lassen. Sechseinhalb Oktaven stehen zur Verfügung. In höheren Lagen klingt die Harfe sehr perkussiv - das kommt den akzentuierten Rhythmen zugute. In den tiefen Lagen klingen die Töne wärmer und länger. Weil die angeschlagenen Saiten weiter klingen, gehen die Töne fließend ineinander über.

Cristina Braga verstärkt ihre Harfe elektrisch und gibt eine kräftige Prise Hall dazu. So kommt es, dass kräftig angezupfte Töne eine Art Schleppe nach sich ziehen, was recht reizvoll klingt.

Ricardo Medeiros spielt eine fünfsaitige akustische Bassgitarre, die in den tiefen Registern einen angenehm runden und druckvollen Klang hat. Er spielt bei Bossa und Samba nicht unbedingt die traditionellen Bassbewegungen. Manchmal fummelt er ein bisschen zu viel, wo etwas mehr konstantes Bassspiel für mehr Groove sorgen würde.

Der Harfenklang bewegt sich zwischen sphärischen Klängen und akzentuierten Rhythmen. Die Künstlerin hat ein großes Repertoire an Spielmöglichkeiten und Klängen. Sehr effektvoll sind flirrende Arpeggien, ein typischer Harfeneffekt, der so auch nur auf diesem Instrument möglich ist. Obwohl die Harfe konstruktionsbedingt eine gewisse Unhandlichkeit mit sich bringt, klingt Cristina Bragas Harfe stets leicht und beweglich.

Die Musikerin singt auch die Originaltexte, manchmal auch die englische Übersetzung. Dabei entwickelt sie das gehauchte Timbre, das gerade für Bossa so typisch geworden ist. Einige Interpretationen bekannter Stücke sind bemerkenswert anders. „Insensatez" auch bekannt als „How insensitive", beginnt langsam. Schließlich geht es in dem Song um die bitteren Gedanken eines Menschen, der für seine einstige Liebe nichts mehr empfindet. Die erste Strophe klang noch nach Schmerz, dann aber fetzten die beiden Musiker sehr flott los.

Der Auftritt bot etwas, das es nicht alle Tage zu hören gibt. Aber das naturgemäß aufgeschlossene Jazzpublikum zeigte Interesse - kein Platz blieb leer. Und die Zuhörer machten mit ihrem Applaus sehr deutlich, dass sie das ungewöhnliche Konzert sehr genossen haben.


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